Kaltnadelradierung für Einsteiger: Tiefdruck ohne Säure

Beim Holzschnitt drucken die erhabenen Stellen – hier ist es genau umgekehrt. Die Kaltnadelradierung gehört zum Tiefdruck, bei dem die vertieften Linien das Bild tragen. Sie ist die direkteste und einsteigerfreundlichste aller Radiertechniken: keine Säure, keine Chemie, nur eine Nadel, eine Platte, Farbe und – idealerweise – eine Presse. Keine andere Drucktechnik kommt dem Zeichnen so nah. In dieser Anleitung gehen wir alles durch: das Tiefdruck-Prinzip, Platte und Werkzeug, die Magie des Grats, den Ablauf vom Ritzen bis zum Abzug, die kleine Auflage und den Unterschied zur Ätzradierung.

Tiefdruck: das umgekehrte Prinzip

Im Tiefdruck drucken nicht die erhabenen, sondern die vertieften Partien der Platte. Die Farbe wird in die eingeritzten Rillen gedrückt, die glatte Oberfläche anschließend blank gewischt – und unter dem hohen Druck einer Presse zieht das feuchte Papier die Farbe aus den Vertiefungen heraus. So entsteht der Abzug. Wie bei jeder Druckplatte gilt: Das Bild erscheint seitenverkehrt, du musst dein Motiv also gespiegelt anlegen.

Kaltnadel: zeichnen in Metall – ohne Säure

Bei der Kaltnadelradierung ritzt du deine Zeichnung mit einer Stahlnadel direkt in die blanke Platte. Das Metall wird dabei nicht entfernt, sondern nur zur Seite verdrängt – man spricht von Kaltverformung. Je kräftiger du drückst, desto tiefer und stärker die Linie. Weil du gegen den Widerstand des Metalls arbeitest, braucht das ein wenig Kraft; eine schwere Radiernadel hilft durch ihr Eigengewicht. Anders als bei der Ätzradierung folgt kein Säurebad – und genau das macht die Kaltnadel zum unkompliziertesten und sichersten Einstieg in den Tiefdruck. Sie ist im Grunde Zeichnen mit anderen Mitteln, was meinen Beitrag Zeichnen lernen für Anfänger zur idealen Vorübung macht.

Klassisch sind Platten aus Kupfer oder Zink. Für die ersten Versuche eignen sich aber auch günstige Platten aus Acrylglas oder Kunststoff hervorragend – sie lassen sich leicht ritzen und nehmen dir die Scheu vor teurem Material.

Die Magie des Grats

Beim Ritzen wirft die Nadel das verdrängte Metall zu beiden Seiten der Rille auf – diesen feinen Metallkamm nennt man Grat. Er ist das Herz der Technik: Beim Einfärben hält der Grat zusätzlich zur Rille Farbe an den Rändern fest. Im Abzug entsteht dadurch dieser unverwechselbare, samtig-weiche, leicht verschwommene Schatten, der die Kaltnadel von jeder geätzten oder gestochenen Linie unterscheidet. Beim Kupferstich wird der Grat entfernt – bei der Kaltnadel behältst du ihn bewusst. Sein einziger Nachteil: Er ist empfindlich.

Schritt für Schritt zum Abzug

  1. Ritzen: Übertrage dein Motiv spiegelverkehrt und ritze es mit der Nadel in die Platte. Über den Druck steuerst du die Stärke der Linie; Flächen und Tonwerte baust du aus vielen Schraffuren auf.
  2. Einfärben: Trage die Tiefdruckfarbe vollflächig auf und drücke sie mit einem Spachtel oder Tampon gründlich in die Rillen. Ein leichtes Erwärmen der Platte macht die Farbe flüssiger, sodass sie besser in die feinen Vertiefungen fließt.
  3. Blankwischen: Nimm die überschüssige Farbe mit einem Stück Tarlatan oder Wischgaze ab und poliere zum Schluss vorsichtig mit dem Handballen – nur so bleibt Farbe ausschließlich in den Vertiefungen und am Grat. Dieses Wischen ist der sensibelste und zugleich gestalterischste Schritt: Wie viel Ton du auf der Fläche stehen lässt, bestimmt die Stimmung des Drucks.
  4. Papier anfeuchten: Leicht angefeuchtetes Büttenpapier wird weich und schmiegt sich unter Druck in die Rillen.
  5. Drucken: Lege die Platte mittig auf das Druckbett, das Papier sorgfältig darauf – ohne es zu verrutschen –, decke es mit dem Druckfilz ab und ziehe alles gleichmäßig durch die Tiefdruckpresse. Beginne mit niedrigem Druck und steigere ihn; ein deutlicher Widerstand muss spürbar sein. Zu viel Druck quetscht den Grat platt.
  6. Abziehen: Hebe das Papier behutsam ab und lege es zum Trocknen aus. Der eingeprägte Plattenrand gehört dazu – er ist ein Echtheitsmerkmal echter Tiefdrucke.

Kleine Auflage, kostbare Drucke

Der empfindliche Grat hat eine Folge: Mit jedem Durchgang durch die Presse wird er ein wenig flacher gedrückt, und der feine, samtige Ton verschwindet allmählich. Schon nach etwa zehn bis fünfundzwanzig Abzügen lässt die Wirkung spürbar nach. Die ersten Drucke sind deshalb die schönsten – ein Grund, warum Sammler Blätter mit niedriger Auflagennummer schätzen. Wer eine größere Auflage braucht, lässt die Kupferplatte verstählen; das verlängert ihre Lebensdauer deutlich. Diese natürliche Begrenztheit ist kein Mangel, sondern Teil des Reizes: Jeder gute Abzug ist eine kleine Kostbarkeit.

Kaltnadel oder Ätzradierung?

Die beiden großen Wege der Radierung unterscheiden sich grundlegend. Bei der Ätzradierung zeichnest du mit der Nadel durch einen säurefesten Schutzlack – fast ohne Widerstand, wie mit einem Stift –, und erst ein Säurebad ätzt die Linien in die Platte. Über die Ätzdauer steuerst du, wie tief und dunkel sie werden, und mit einer Stufenätzung erzielst du feine Grauabstufungen. Der Strich wird beweglicher, die mögliche Auflage größer. Der Preis dafür ist der Umgang mit Säure. Die Kaltnadel dagegen kommt ohne Chemie aus, ist direkter und ehrlicher im Strich, dafür in der Auflage begrenzt. Für den Anfang ist sie klar die erste Wahl.

Häufige Anfängerfehler

  • Das Spiegeln vergessen: Der Abzug ist seitenverkehrt – Schrift und gerichtete Motive vorher spiegeln.
  • Zu zaghaft ritzen: Eine zu flache Linie nimmt kaum Farbe an und druckt nicht. Trau dich, Druck auf die Nadel zu geben.
  • Den Grat wegputzen: Zu hartes Wischen reißt den feinen Grat ab. Wisch behutsam und gerichtet.
  • Falscher Pressdruck: Zu wenig überträgt die Farbe nicht, zu viel quetscht den Grat platt. Taste dich von unten heran.
  • Papier zu trocken oder zu nass: Es soll feucht und biegsam sein, nicht tropfend. Tupfe überschüssiges Wasser ab.

Ohne große Werkstatt beginnen

Das Schöne an der Kaltnadel: Du brauchst keine aufwendig ausgestattete Werkstatt. Eine günstige Acrylplatte, eine Radiernadel, Tiefdruckfarbe, festes Papier und eine Presse genügen für den Start – und weil keine Säure im Spiel ist, ist die Technik auch sicher. Lediglich beim Reinigen mit Lösungsmitteln solltest du auf gute Belüftung achten und Handschuhe tragen.

Eine weitere Stimme im Druck

Mit der Kaltnadel vervollständigst du dein druckgrafisches Repertoire: Nach dem kraftvollen Hochdruck des Holzschnitts und dem malerischen Unikat der Monotypie kommt hier die intime, gezeichnete Linie des Tiefdrucks hinzu. Wenn du das Drucken in der Gruppe und an der Presse einmal ausprobieren möchtest, gebe ich in meinen Seminaren in Scheßlitz bei Bamberg mein Wissen zu Malerei und Grafik gern weiter.

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